Die vergessene Sprache zwischen dem heiligen Ja und dem heiligen Nein.
Körpergefühl bei Entscheidungen miteinbeziehen – in manchen Branchen ist das noch verpöhnt, auch wenn sich Top-Manager und Entscheider bereits aufs „Bauchhirn“ mit seiner „intuitiven Expertise“ trimmen lassen. Andererseits wird gern vom gesunden Menschenverstand gesprochen, vor allem, wenn er bei den Entscheidungen anderer nicht vorhanden zu sein scheint. Wie viel Prozent Deiner täglichen Entscheidungen fällst Du mit Deinem Verstand? Und wie viele werden anschließend vom inneren Richter bezweifelt? Wie viel Deiner Zeit verbringst Du damit, Dich vor Dir selbst zu rechtfertigen oder Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben?
Logisch zu entscheiden und gut durchdacht seine Aufgaben zu meistern, darauf werden wir von klein auf trainiert. Das viele Vor- und Nachdenken begleitet uns oft ab dem Erwachen (bei manchen schon vor dem Augenaufschlag) und läuft ununterbrochen weiter, bis wir wieder ins Bett fallen. Stille Phasen im Kopf, in denen kein Gedanke „spricht“, kannte ich selbst jahrelang gar nicht – es war mir ein Rätsel, wie man ganz ohne Kopfradio sein kann.
Wie Du Dein Körpergefühl bei Entscheidungen miteinbeziehen kannst – und warum der Verstand trotzdem wichtig bleibt?
Und doch entscheiden wir nicht nur übers Denken – viel schneller kommen Eingebungen oder plötzliche Ideen daher oder eben die intuitive Wahl. Wer eine gute Intuition hat, vertraut seiner inneren Stimme. Sie zeigt sich bei jedem etwas anders im Körper. Vielleicht wie …
- … ein sich Hingezogen fühlen oder eine Abneigung.
- … wie ein leises inneres Weiterwerden oder wie ein Zusammenziehen.
- … wie ein Aufatmen oder ein Stöhnen.
- … oder in diesem kaum erklärbaren Moment, in dem etwas in Dir sagt: Ja. Oder eben: Nein.
Hat das Sinn für Dich? Ist es nicht irre, dass wir Sinn oft mit dem Verstand anstatt mit den Sinnen erfassen wollen?
Der Kopf ist Teil Deines Körpers, das Gehirn ist Teil Deines Nervensystems. Denken ist Dein Ausdruck in Sprache. Das eine zu wählen, bedeutet nicht, das andere auszuschließen. Ganz im Gegenteil: Beides wird gleichermaßen gebraucht. Es braucht ein Gleichgewicht von Spüren und Denken, um den Sinn im bewusst Wahrgenommenen zu erkennen.
Sicher, zuallererst geht es ums Spüren mit all unseren Sinnen. Die Sinnesorgane liefern die Grundlage, das Nervensystem filtert diese Flut an Informationen blitzschnell vor. Nur ein Bruchteil erreicht den wachen Verstand. Der Filter ist nicht neutral. Er wird geprägt durch Erfahrung, Stress, alte Schutzmuster und Erwartungen.
Der Verstand wiederum setzt aus all dem eine Bedeutung zusammen – er macht die Wahrnehmung zu einem Gedanken. Er erzählt uns Geschichten. Sein Werkzeug ist die Sprache aus Worten, weshalb die Argumentationen und das ständige Geplapper im Kopf entstehen. Diese Wortsprache macht den Verstand langsamer als den Körper. Gedanken müssen nacheinander ablaufen, um Chaos zu vermeiden.
Gleichzeitig ermöglicht diese Sprache eine Verdichtung und Verschachtelung der Bedeutungsebenen, was einen Fokus oder Perspektivwechsel überhaupt möglich macht.
Der Körper hingegen beherrscht die gleichzeitige Sinnesaufnahme: Hören, Riechen, Schmecken, Sehen, Temperatur, Gänsehaut, Druck, Schwere oder Leichtigkeit und das gesamte Kaleidoskop der Emotionen. Deshalb ist ein Körpersignal wertvoll, aber keine automatische, endgültige Antwort. Es ist ein Hinweis, dem Du nachgehen kannst. Der Verstand dient hier als Hilfsmittel, um diese Wahrnehmungen des Körpers brauchbar zu sortieren und einzuordnen.
Ein gefühltes Gedankenexperiment zum Mitmachen:
Lass uns das an einem ganz einfachen Beispiel ausprobieren. Stell Dir vor, Du wirst zum Essen eingeladen. Gerade erfährst Du, dass etwas aufgetischt wird, das Du beim besten Willen nicht essen mags – aus welchen Gründen auch immer.
Spüre einen Moment in Dich hinein:
- Was geschieht in Deinem Körper?
- Wird etwas eng oder weit?
- Zieht sich etwas zusammen?
- Taucht Druck, Schwere, Unruhe oder Widerstand auf?
- Wo bemerkst Du es?
- Vielleicht im Bauch.
- Im Hals.
- Im Herzraum.
- Im Solarplexus.
- Oder ganz woanders.
Finde Deine eigenen Worte dafür.
Dann stell Dir vor, es war eine Verwechslung. Stattdessen gibt es Deine Lieblingsspeise.
Spüre wieder:
- Was verändert sich?
- Wird etwas leichter?
- Weiter?
- Ruhiger?
- Lebendiger?
- Kommt ein inneres Aufatmen?
Ist der Unterschied für Dich greifbar?
Ich bin mir sicher, Du findest Deine eigenen Worte.
Das heilige Ja und das heilige Nein im Alltag
Jetzt stell Dir vor, die gleiche Weise zu Antworten kannst Du auch für andere Fragen verwenden.
Vielleicht hast Du eine Anfrage oder Einladung erhalten, bei der Du hin- und herschwangst. Manchmal gibt es Nachrichten, auf die wir antworten wollen, doch finden nicht die richtigen Worte, weil wir innerlich unentschlossen sind. Oder hast Du eine Entscheidung zu treffen, die Du schon länger vor Dich herschiebst?
Probiere es aus: Pack es in eine kurze Ja-Nein-Frage:
- Will ich wirklich dorthin gehen?
- Will ich wirklich dabeisein?
- Will ich das wirklich machen?
- Will ich wirklich antworten?
- Will ich wirklich zusagen?
- … oder was Dich sonst bewegt.
Dann lausche auf die Signale in Dir. Dein Körper antwortet oft längst, während der Kopf noch diskutiert. Der Mund sagt „Ja“, während in Dir ein ganz anderes Gefühl sich regt. Dem einen bist Du abgeneigt, dem anderen zugeneigt. Es ist eine Regung, weil sich in Dir etwas bewegt. Die Empfindungen zeigen Dir, was gerade da ist und gesehen werden will, und Dein Verstand gibt ihm Worte. Du könntest es auch Dein Heiliges Ja und Dein Heiliges Nein nennen.
Heilig, weil sie Deinen Raum abgrenzen, den Du ehren darfst. Er zeigt Dir, was Du für Dich als gut empfindest und willst, getrennt von dem, was Du für Dich als schlecht empfindest und ablehnst.
Zugegeben, das Beispiel war einfach. Andere Entscheidungsfragen fühlen sich schwerer an. Vor allem, wenn Erwartungshaltungen, Überzeugungen, Erfahrungen und Sorgen mit am Entscheidungstisch sitzen. Auch hier kann ich viel aus eigener Erfahrung erzählen.
Daher ist es so wertvoll, zu spüren, was Du wirklich willst – nenne es „von Herzen“, „aus ganzer Seele“ oder „vom Bauchgefühl her“. Und hier ist der Unterschied zum Verstand: Der Körper kennt in seinem Empfinden nur eine Zeit – das Jetzt. Alles, was erfühlt und gespürt wird, wird im Jetzt erlebt.
Der Verstand hingegen hat all die Daten von Gestern und Erwartungen von morgen festgehalten. Er ordnet ein, ob dieses Signal mit einer aktuellen Situation, einer früheren Erfahrung, einer Sorge oder einer Erwartung verbunden ist.
Wenn Du wissen möchtest, ob Deine Wahl aus Angst, Verurteilungen, Erwartungshaltung oder für Dich längst nicht mehr gültigen Überzeugungen getroffen wurde – oder eben doch aus innerer Überzeugung von Herzen her –, dann befrage Deinen Körper.
Er spricht mit Dir in seiner ganz eigenen Sprache. Das kann ganz fein sein oder recht heftig. Menschen spüren es unterschiedlich, manche im Bauch, im Herzen, im Solarplexus, in der Kehle, im Becken, im Rücken, den Beinen oder einfach als inneres Wissen.

Der Körper ist kein Orakel, aber er blickt hinter die Argumente
Du musst nicht jedes Signal sofort verstehen. Wichtig ist, dass Du wieder beginnst, hinzuhören. Ganz gleich, ob Du sofort begreifst, was Dein Körper Dir gerade mitteilt.
Manchmal zeigt Dein Körper ein Nein, obwohl Dein Kopf gute Gründe für ein Ja hat. Manchmal zeigt Dein Körper ein Ja, obwohl Dein Kopf Angst bekommt. Und manchmal zeigt Dein Körper nur: Da ist etwas. Schau genauer hin.
Es geht nicht darum, den Körper als Orakel zu benutzen. Es geht darum, ihn nicht länger zu übergehen. Dein Körper ist nicht gegen Dich – er spricht mit Dir, er gehört zu Dir. Er ist Teil Deiner Wahrnehmung. Vielleicht ist er sogar der Teil, der noch mitbekommt, was Dein Verstand längst wegargumentiert hat.
Eine Einladung zur Ehrlichkeit im Jetzt
Beobachte in den nächsten Tagen Dein Ja und Dein Nein. Nicht nur bei großen Entscheidungen. Gerade die kleinen, aus Deinem Alltag. Nicht um sofort perfekt zu handeln. Das heilige Ja und das heilige Nein sind keine starren Regeln, sondern Einladungen zur Ehrlichkeit, zur Selbstwahrnehmung und zur Rückverbindung mit dem Teil in Dir, der oft schon weiß, bevor Du alles erklären kannst.
Vielleicht merkst Du dabei, wie schwer es fällt, die feinen Signale unter dem lauten Geplapper des Kopfes überhaupt noch wahrzunehmen. Wenn Du magst, nutze die Massagen bei mir als reine Spürübung. Ein geschützter Raum auf der Liege oder Matte, in dem Dein Verstand Pause hat und Dein Körper wieder lernen darf, sich im Hier und Jetzt ganz ungefiltert auszudrücken.
